Europa


Als meine Eltern vor einem dieser Kriege, die Europa verwüsteten, nach Südamerika flüchteten, pflegte man in ihrem Heimatland zu sagen, dass diejenigen, die hierher kamen, Kriminelle waren, Mörder oder Bankräuber, oder auch Taschendiebe, im Volksmunde als Langfinger bekannt, und dass die Leute hier nicht gerne arbeiteten. Mein Vater ließ sich davon nicht beeindrucken, besonders weil in seiner Familie solche Aktivitäten nicht ungewöhnlich waren.

Für meine Eltern war das Leben in der alten Welt angenehm, wären da nicht die ständigen Kriege gewesen, herbeigeführt von der dekadenten Aristokratie, in deren Besitz sich die Ländereien und das Geld befanden; die Habgier des Großbürgertums, das liberal in seinen Prinzipien war, jedoch feige in der Praxis; die Eiseskälte und der Schnee, der sich auf den Straßen bis zu einem Meter oder noch höher aufhäufte; der unangenehme jüdische Nachbar mit seinem geiernden Blick und die Verfolgung, der sie in der letzten Zeit, die sie dort lebten, ausgesetzt waren.

Ansonsten war alles bestens!

Seit jeher war die Familie meines Vaters im Wuchergeschäft oder im so genannten Börsengewerbe tätig. Ich will damit sagen: Es waren vornehme Taschendiebe, die die üblichen weitärmeligen Hemden trugen, um die geschickten Hände eines Meisterdiebes zu verbergen. Mein Vater erzählte, dass die Zeitungen sie als Abschaum der Gesellschaft bezeichneten, was ihn zum Lachen brachte, da einige Freunde, die ihn dafür kritisierten, dass er sich nicht einer ehrenhaften Arbeit und dem harten fünfzehnstündigen Tagewerk widmete, ebenso als Abfall angesehen wurden. Zu jenen Zeiten galten diejenigen, die für den Unterhalt der Familie arbeiten mussten und sich nicht dem Vergnügen des Denkens oder Ergründens der Geheimnisse der Philosophie hingeben konnten, als armselig. Der Unterschied zwischen Armut und menschlichem Abschaum war dabei kaum wahrnehmbar.

Die Aristokratie arbeitete nicht, daher blieb ihr viel Zeit für das Entwerfen und Planen großer Schlachten. Doch auch wenn das für sie von Vorteil war, da viele Leute dabei starben und somit mehr Ländereien für ihre Erben zur Verfügung standen, so war es für die Kinder schlimm, denn sie mussten nun durch die Bücher von den Kriegen unterrichtet werden. Mein Vater fand es schön anzusehen, wie der auf Verwandschaftsbeziehungen beruhende europäische Adel sich vereinigte, um seine eigenen Interessen zu vertreten.

Seitens der Familie meiner Mutter war alles ganz anders. Meine Großmutter war früh verwitwet und heiratete erneut. Sie zog mit ihren beiden Töchtern zu ihrem neuen, querschnittsgelähmten Ehemann, der mit seinem Sohn in einer Erdgeschosswohnung lebte. Die beiden Männer verdienten ihren Lebensunterhalt mit einem kleinen Lädchen, in dem sie neben Lutschern und anderen Süßigkeiten auch Kartoffeln und Salat verkauften. Dass ihr Stiefbruder eines Tages das Familiengeschäft übernehmen würde, oh, das stand außer Frage, so dass für meine Mutter und ihre Schwester nur die Arbeit in einer großen Textilfabrik übrig blieb, die vor längerer Zeit in der Umgebung der Stadt in Betrieb genommen wurde. Meine arme Mama stellte diese Entscheidung ihrer Familie jedoch in Frage, da sie fürchtete, ihre Empfindsamkeit zu verlieren, denn sie hatte beobachtet, dass die Arbeiter, die jahrelang millionenfach dieselben Bewegungen ausführten, trotz der scheinbar intakten sozialen Ordnung moralische Störungen entwickelten. Viele waren Alkoholiker, trieben zu Hause Unfug und versuchten sich amateurhaft an dem, was die Familie meines Vaters professionell praktizierte. Sie starben früh an Krankheiten, die durch den elenden Zustand der Fabriken und Wohnstätten verursacht wurden. Und die kleinen Kinder arbeiteten, um das miserable Einkommen der Familie aufzubessern.

Zu eben dieser Zeit nahm das Leben meiner Eltern eine radikale Wendung.

Die Aristokratie machte sich gemeinsam mit den vierjährlich gewählten Abgeordneten in einem korrupten demokratischen Prozess daran, eine größere Katastrophe heraufzubeschwören, was ihnen jedoch nicht gelang. Zu eben dieser Zeit wurde der zukünftige große Führer der Nation von der Firma, in der er arbeitete, unrechtmäßig entlassen - alles, womit man ihn beauftragte, machte er falsch. Da er sich durch seinen kahlköpfigen Chef seiner Rechte beraubt fühlte, beklagte er sich bei einem Freund, der Journalist war und daraufhin zu seiner Verteidigung einen Artikel schrieb. Dieser Bericht zeigte, wie ausbeuterisch die Glatzköpfe waren und welche Gefahr sie für die Gesellschaft darstellten.

Mein Vater ging davon aus, dass dieser Streit zwischen ihnen dreien ausgetragen werden könnte, wäre das Volk nicht aufgrund der Folgen des letzten Krieges, den der denkende Teil der Gesellschaft zu verantworten hatte und dessen Folgen wieder einmal die Armen tragen mussten, so unzufrieden gewesen. Mein Vater z. B. wollte sich in einem Anflug von Ehrlichkeit eine Taschenuhr kaufen, statt sie einfach irgendeinem Alten in den geschäftigen Straßen des Stadtzentrums zu klauen. Das Problem dabei war, dass er, da niemand Geld hatte, nicht genug zusammenstehlen konnte. Er fühlte sich benachteiligt, besonders nachdem er feststellen musste, dass der Uhrmacher in seiner Nachbarschaft ebenfalls eine Glatze hatte. Papa brauchte nicht lange, um in ihm einen Ausbeuter zu sehen und schloss sich der Bewegung an, die sich schnell wie Würmer in einem Kadaver über das ganze Land verbreitete. Innerhalb kürzester Zeit fand die Nation einen Sündenbock für ihr Leid und schloss sich zusammen, um die Ursache ihres Unglücks zu bekämpfen. Der Enthusiasmus war ansteckend, und daher florierte bald die Perückenindustrie. Die wissenschaftliche Beschäftigung mit der Kahlköpfigkeit und die Produktion von Mitteln gegen Haarausfall expandierten. Die Massen gingen auf die Straße, und infolge dessen gründeten der arbeitslose Führer und sein Kampfgenosse, der Journalist, die Partei des Neo-Sabellianismus mit dem Ziel der Verfolgung aller Glatzköpfe. Und die Zeitung, die sie kurz darauf gründeten, sollte den Wissensdrang der Bevölkerung stillen, die Informationen einforderte. Anfangs wurden nur in den großen Städten Geschäftsstellen eröffnet, aber aufgrund der großen Nachfrage organisierten sich Mitglieder der Gemeinden und erklärten sich bereit, Büros in kleineren Städten und sogar winzigen Dörfern zu eröffnen.

Am Tag nach der Parteigründung begab sich mein Vater zitternd vor Kälte um drei Uhr morgens vor das kleine Büro, um sich registrieren zu lassen. Doch wie groß war seine Überraschung, als er der bereits von zahlreichen seiner verbrecherischen Freunde gebildete lange Schlange gewahr wurde. So sehr er auch versuchte, an den anderen vorbeizukommen, er schaffte es nicht, in den Besitz der ersehnten Wartenummer eins der Einschreibung zu gelangen. Er musste sich mit der Nummer fünfundzwanzig zufrieden geben.

Meine Großmutter war keine Befürworterin des idealisierten Schönheitskonzepts und dagegen, die Glatzköpfe von der Erdoberfläche verschwinden zu lassen. Schließlich besaß ihr zweiter Ehemann eine ausgeprägte Glatze, die ihn bereits seit seiner Jugend quälte. Um davon abzulenken, kämmte er gewöhnlich die spärlichen Nackenhaare nach vorne, die er dann an der Stirn befestigte, mit Hilfe eines hausgemachten Klebstoffes, den meine Großmutter aus Hühnerhaut und -knochen oder Fischgräten einkochte. Dieses Rezept hatte sie von ihren Großeltern übernommen, denen es wiederum von ihren Vorfahren überliefert worden war und von dem Aufzeichnungen seit dem Jahre 1470 v. Chr. existieren, noch aus der Zeit der Pharaonen. Wenn meine Mutter ihn schon wegen des unangenehmen Geruchs, den sein Kopf verströmte, und weil er ihr verbot, im Laden zu arbeiten, nicht leiden konnte, so hatte sie nun, da sie der Ideologie der Ausgrenzung der Glatzköpfe anhing, einen Grund mehr, ihn zu hassen.

Die Standpunkte in Großmamas Haus variierten von radikal gegen bis eindeutig für die Glatzköpfe und die Stimmung wurde von Tag zu Tag angespannter, was hitzige Streitereien zwischen Mama und ihrem Stiefbruder auslöste, der seinen Vater liebte und daher verteidigte.

»Ich werde deinen Vater denunzieren!« drohte Mama kreischend bei einer der unendlichen Diskussionen, die regelmäßig im Schoß der Familie stattfanden.

»Geh zum Teufel!« antwortete ihr Stiefbruder und zeigte ihr den Mittelfinger, den sie sich sonst wohin stecken sollte.

Klar, dass die beiden so zu keinem Konsens gelangten, und wie üblich schlug er in dieser Nacht im Hinausgehen wütend die Tür zu und beschimpfte den Führer. Mama hat nie zugegeben, etwas mit dem zu tun gehabt zu haben, was dann passierte. Aber als ihr Stiefbruder im Morgengrauen zurückkehrte, wurde er von einer Handvoll militanter Parteimitglieder abgegriffen, die sich, in einer nur für sie typischen Weise organisiert, damit vergnügten, Fahrzeuge zu zertrümmern und Passanten zusammenzuschlagen. Natürlich musste er dran glauben. Er erhielt einen Schlag auf den Hinterkopf, der es ihm unmöglich machte, die Familiengeschäfte zu übernehmen. Zu behaupten, dass Mama traurig war, wäre gelogen, denn immer, wenn sie von diesem Ereignis erzählte, glänzten ihre meerblauen Äuglein. Sie erbte den Laden ihres Stiefvaters, da sie es am besten verstand, die Geschäfte zu führen, und übernahm die Leitung der Familie.

Nachdem Mama den Laden übernommen hatte, gab sie als Erstes den Handel mit Süßigkeiten und Früchten auf und investierte alles, was sie zusammenkratzen konnte, in die Ausweitung des Perückengeschäfts. Als sie in die Fabrik ging, um die ersten fünftausend Muster zu bestellen, lernte sie meinen Vater kennen, der ins Büro gekommen war, um die Spendengelder einzusammeln, die der Fabrikdirektor der Partei als Dank für die Verfolgung der Glatzköpfe zukommen ließ. Obwohl Mama sexy gekleidet war, schien sich Papa nicht sonderlich für ihre Weiblichkeit zu interessieren. Vielmehr ging es ihm hier um einen saftigen Anteil an der von ihr aufgegebenen Bestellung. Mit großen Augen erkundigte er sich nach ihrem Namen und sagte, dass er sie gerne besuchen würde. Mama dachte, dass er Gefallen an ihr gefunden hatte und gab ihm sofort die Adresse. Es dauerte nicht länger als vierundzwanzig Stunden, bis Papa an die Tür klopfte, in der Hoffnung, einen kleinen Anteil vom Gewinn abzubekommen. Schlau wie ein Fuchs erwartete meine Mutter ihn noch verführerischer gekleidet als am Vortag, und mit geschickter Zunge bewies sie, wer von ihnen beiden mehr Verstand hatte. Mein Vater ging ihr ins Netz wie ein Fisch und lud sie in eben diesem Moment zum Abendessen ein. Sexy Kleidung und Arbeit hin, Perücken und Kommission her, es dauerte nicht lang, und die Heirat war nur noch eine Frage der Zeit. Die Trauzeugen waren keine geringeren als der Führer - welch eine Ehre! - und der Journalist, der ihn unterstützte. Papa bestreitet nicht, innerhalb der Partei sehr wichtig geworden zu sein. Doch die beiden Leitfiguren als Ehrengäste zu haben, bildete den Höhepunkt seines politischen Daseins.

»Ich bin sehr stolz auf mich« verkündete Papa an seinem Hochzeitstag immer wieder bescheiden.

»Ich bin so glücklich, mein Wölfchen, dass du mich gewählt hast«, sagte Mama meinem Vater immer wieder.

Selbstverständlich konnte Mamas Stiefvater nicht an der Zeremonie teilnehmen, denn er war einige Wochen vor der Hochzeit auf einem Straßenfest enttarnt worden. An jenem Sonntag war seine Hand bei einer plötzlichen Bewegung seines Rollstuhls vom Rad gerutscht, und das Haar hatte sich vom vorderen Teil des Kopfes gelöst, so dass er dem Spott der Nachbarschaft ausgesetzt war. »Wie peinlich!« war das Einzige, was Mama auf dem ganzen Heimweg dazu sagen konnte. Nun wussten alle, dass ihre Familie eine Farce gelebt hatte. Sie waren enttarnt und mit der nackten und harten Wahrheit konfrontiert worden. Meine Mutter weinte vor Wut, wenn sie sich daran erinnerte, wie alle auf ihren Stiefvater zeigten und »Glatzkopf, Glatzkopf, Glatzkopf!« riefen. Das Schlimmste von allem war der Gedanke daran, dass er sich auf unbestimmte Zeit verstecken musste, falls ihre Mutter sich dazu entscheiden sollte, ihn vor der Verfolgung durch die Nachbarn und Autoritäten zu schützen.

Das Ziel des Führers war es, um jeden Preis die Macht zu übernehmen, und dafür verkaufte er alles und jeden bis auf seine Mutter, denn die war schon gestorben und den Vater hatte er nie gekannt. Die Legenden um seine Person nahmen langsam Form an, und Gerüchten nach stand er stundenlang mit nach oben gestrecktem Arm da, um für die Feierlichkeiten und großen Aufmärsche, die er organisieren wollte, zu trainieren.

Oftmals überfielen Parteimitglieder Bars und Kulturzentren, die von Glatzköpfen frequentiert wurden. Dabei zerschlugen sie alles, was ihnen in die Quere kam, einschließlich der Köpfe der älteren Herren, deren Glatzen besonders ausgeprägt waren. Einmal schlugen sie den Kopf eines Herren auf die Kante des Tisches, an dem er Karten gespielt hatte, und lachten über den hohlen Klang, den dies verursachte.

»Bei dem ist nichts drin!« sagte einer von Papas tapferen Genossen und bezog sich damit auf den zerbrochenen Kopf des Unglücklichen.

Papa hatte zwar an diesem Tag den Gorillas, die ihn begleiteten, geraten, ihre Schlagstöcke zu Hause zu lassen und den Dialog zu suchen. Aber es scheint so, als würden die Leute in solchen Momenten den Verstand und die Selbstbeherrschung verlieren. Was zur Folge hatte, dass einer, der versuchte unter dem Tresen entlang zu kriechen und den Raum zu durchqueren, an einem Bein bis auf die Straße gezogen wurde. Dort brachen sie ihm die Hände, damit sie lernten, ihre Zeit nicht beim Kartenspiel zu vergeuden.

Papas Ego wuchs von Tag zu Tag. Gleich nach der zentralen Machtübernahme bemächtigte er sich des Finanzsekretariats, dessen Kassen prall gefüllt waren von den regelmäßig eingehenden Spenden der Parteimitglieder und Sympathisanten. Innerhalb der Regierungsmaschinerie zu arbeiten, gab ihm Sicherheit. Er brauchte nun nicht mehr direkt zu rauben oder das Risiko einzugehen, beim Taschendiebstahl erwischt zu werden. Nun räumte er auf – mithilfe der Politik.

Nur um seine Bedeutung innerhalb der Hierarchie der Bewegung zu veranschaulichen, möchte ich darauf hinweisen, dass Papa in der Nacht, in der den Sabellianern der Befehl gegeben wurde, die Glatzköpfe anzugreifen und die Schaufenster ihrer Läden zu einzuwerfen, die Liste der Befehlshaber anführte. Von ihm stammt der Befehl »Friss oder stirb!« Die Lehrer, die seine Haltung kritisierten, wurden vom Dienst an den örtlichen Schulen, an denen sie unterrichteten, suspendiert, und den Intellektuellen wurden die Bücher verbrannt.

Mit der Zeit wurden die rationalen Überzeugungsmethoden der Partei immer moderner. Man vertiefte die Forschung nach dem Ursprung des Menschen und entwickelte anthropologische eorien sowie ein neues System der Schädelvermessung und hochentwickelte Maschinen, um die natürlichen von den implantierten Haarsträhnen zu unterscheiden und sie zu zählen. Röntgenstrahlen wurden nun eingesetzt, um Toupets aufzuspüren, die aus Haaren von Mitgliedern derselben Familie gefertigt wurden. Wer sich von den neuen Ideen nicht angesprochen fühlte, wurde durch die emotionale Methode überzeugt. An die Stadtmauern wurden Plakate mit Fotos von gut genährten Kindern und Jugendlichen geschlagen, die in Gruppen tätig waren. »Nur gemeinsam erreichen wir den Himmel!« verkündeten sie in großer Schrift. »Du bist nichts, dein Volk ist alles!« gaben sie die Worte des Führers wieder. »Dein Körper gehört deiner Nation, und du hast die Pflicht gesund zu sein!« wiederholte er unermüdlich. Falls jemand versuchte, sich diesen überzeugenden Argumenten zu entziehen, so rief die Partei den Unentschiedenen die Schrecken der Französischen Revolution in Erinnerung. Wenn jemand darauf bestand, dennoch einen Weg jenseits der Ideale des Führers zu suchen, wurde er mit einer kommunistischen Zukunftsvision in Schrecken versetzt. »Wir sind die Gegenwart!« wiederholte er in jeder seiner Reden.

Monate nach der Hochzeit bekam Papa eine Beförderung geschenkt und er wurde in den Süden des Landes versetzt, in genau die Stadt, in der die sabellianische Bewegung ihren Anfang genommen hatte. Er erhielt ein Haus, das etwas größer war als die Zweizimmerwohnung, die er vorher bewohnt hatte. Die acht Schlafzimmer hatte - neben den vier Wohnzimmern - Mama verlangt, die plante, viele Sprösslinge in die Welt zu setzen. Es war ihr Wunsch, der Parteipolitik zu entsprechen, die die Frauen dazu anhielt, viele Kinder zu gebären. Freundinnen von ihr hatten mit dem Erreichen der Siebenkindgrenze Medaillen erhalten. Aber die wahre Anerkennung kam erst mit dem zehnten Kind. Und mit dem fünfzehnten erhielt die Frau die wichtigste Medaille, die genau so viel zählte, wie auf dem Schlachtfeld für das Vaterland zu sterben.

Kaum hatte Mama ihren Fuß in das neue Haus gesetzt, war sie schwanger, was sie umso mehr dazu anhielt, sich ihrer neuen Aufgabe des Planens und Einrichtens der vielen Kinderzimmer hinzugeben. Aber natürlich hat sie nicht alles allein gemacht. Papa hatte dafür über das lokale Parteibüro zahlreiche Glatzköpfe angefordert, die viele Stunden arbeiteten, ohne etwas dafür zu bekommen, Mama gab nur die Anweisungen. Die Frage, ob es nicht eine Form von Sklaverei gewesen sei, sie nicht zu bezahlen, da sie schließlich nicht für sie arbeiteten, weil sie sie so sympathisch oder hübsch fanden, verneinte Mama, da sie ja weder ausgepeitscht noch angekettet wurden.

Fast hätte ich vergessen zu erzählen, dass Mama, als sie heiratete, das Perückengeschäft aufgab und es ihrer Schwester Paula vermachte, die daraufhin die Leitung übernahm. Leider besaß ihre Schwester nicht denselben Geschäftssinn, und so sank innerhalb weniger Monate die Verkaufsrate so stark, dass sie keinen Gewinn mehr verzeichnete und aus Mangel an Kunden die Türen schließen musste. Mama war wirklich die Seele des Geschäfts gewesen! Das Kaufen und Verkaufen hatte sie im Blut, ebenso wie das Atmen und Steuern hinterziehen. Deshalb kränkte es sie auch, dass die Partei die Frauen von den führenden Posten ausschloss, was in gewisser Weise durch die Wertschätzung des Hausfrauenstatus aufgewogen wurde. Der Führer sagte, dass die Frau in die Küche gehöre, die Kinder versorgen und den Anweisungen des Ehemanns Folge leisten solle. Obwohl sie anderer Meinung war, akzeptierte sie es aus Liebe zu meinem Vater und zu seiner Sache. Sie half soweit sie konnte, indem sie z. B. Feiern und Basare organisierte.

Im dritten Monat ihrer Schwangerschaft verschluckte sich Mama an einem Avocadokern. Der Kapitän eines U-Bootes hatte die gesegnete Frucht aus Südamerika mitgebracht und sie ihr geschenkt, ohne ihr jedoch mitzuteilen, dass man von dieser Frucht nur das Fleisch zu essen pflegte. Ich brauche wohl nicht zu erwähnen, dass sie durch die Atemnot das Kind verlor und dass sie von da an eine Abneigung gegen Avocados entwickelte. Auf diesen Vorfall folgten zahlreiche Schwangerschaften, die jedoch alle schon zu Anfang scheiterten, so dass es Mama unmöglich war, dem Wunsch der Sabellianer nachzukommen, die die Zeugung vieler Kinder propagierten, um sie als Kanonenfutter einzusetzen. Je mehr Zeit verging, ohne dass auch nur ein Kind eins der wunderschönen, mit so viel Sorgfalt eingerichteten Zimmer bewohnte, desto auswegsloser erschien die Situation, was schließlich Spannungen zwischen meinen Eltern auslöste. Enttäuscht schlug Mama vor, dass Papa sich eine andere Frau suchen sollte. Sie schrieb sogar einen Brief an die Partei, in dem sie die Ehefrauen, die das Ziel von zehn Kindern nicht erreichten, dazu aufrief, den Egoismus der Monogamie aufzugeben und zur Polygamie überzugehen. »Alles für die Partei!« pflegte sie pflichtbewusst zu sagen.

Der Führer war sehr stolz angesichts solcher Hingabe. Das sabellianische Ideal wurde nicht nur von den männlichen Parteimitgliedern angestrebt, sondern auch von ihren Ehefrauen.

Aber Mama brauchte nicht lange, um sich einer Sache bewusst zu werden. Immer wenn sie sich zu Kaffee und Kuchen trafen, brachten die anderen Ehefrauen ihre zahllosen Kinder mit, während sie nichts vorzuweisen hatte. Sie fing also an, den Einladungen auszuweichen und sich zu Hause zu isolieren. Die Freundinnen hörten auf, sie zu besuchen und die Abende, an denen sie Karten spielten, wurden immer seltener. Die Bestellungen für die Basare blieben aus, und schließlich wurde Mama depressiv, bis Papa irgendwann dachte, sie würde sterben.

Mit Beginn des Krieges geriet ihre Vereinsamung zeitweise in Vergessenheit. Aber sowie die Fronten sich ausweiteten und der Bedarf an Soldaten wuchs, wurden Mama zunehmend schiefe Blicke zugeworfen. Selbst Jungen zwischen sechs und acht Jahren wurden schon eingezogen, um das Vaterland zu verteidigen. Und Mama hatte nichts zu bieten.

Eines Tages, als ihre Friseurin ihr den Wunsch anvertraute, auszuwandern, fragte sie nach dem Grund.

»Nicht, dass ich in irgendeiner Beziehung zu Glatzköpfen stehen würde, aber ich habe kaum noch Kunden. Alle verweigern es, sich die Haare schneiden zu lassen, aus Angst, sie könnten als Glatzköpfe angesehen werden. Außerdem kann ich mich nicht zu dieser Bewegung bekennen. Ich finde, dass die Leute nicht für ihre äußere Erscheinung verurteilt werden dürfen.«

Meine Mutter hörte sich alles an, sagte jedoch nichts dazu. Sie war immer für die Verfolgung gewesen und hatte voller Überzeugung an die Reinheit der sabellianischen Ideale geglaubt. Und eigentlich hörte sie nicht gerne Argumente, die ihren eigenen Überzeugungen widersprachen. Seit sie jedoch am eigenen Leib die Launen der Natur zu spüren bekam - die Unfähigkeit ein Kind im Leib zu halten - und die Zurückweisung durch ihre Mitmenschen wegen etwas, das ihr angeboren war, begann sie zu erkennen, dass jede Münze zwei Seiten hat. Zum Glatzkopf wurde man nicht freiwillig. Diese Tatsache machte niemanden zu etwas Besserem oder Schlechterem.

»Wie schön waren die Zeiten, als die Menschen sich noch frei fühlten, ihr Haar so zu tragen, wie es ihnen gefiel!« klagte die Friseurin, die Isolde hieß.

»Haben Sie einen Plan?« fragte Mama. Sie war neugierig und gleichzeitig erstaunt festzustellen, dass es im Leben noch weitere Möglichkeiten gab als Andere zu verfolgen.

»Wir wissen es noch nicht so genau«, antwortete Isolde, plötzlich verunsichert, da sie Informationen an jemanden aus der Partei weitergab.

Seit diesem Tag ging Mama, die den Friseursalon nun dreimal wöchentlich besuchte, das Gespräch nicht mehr aus dem Kopf. Gespräche hin und her, meine Eltern erkannten, dass sie etwas gemeinsam hatten mit der mit Wagner verheirateten Friseurin: Den Wunsch, dieser Welt zu entfliehen, in der die ästhetische Frage dazu führte, dass alle einem einzigen akzeptablen Schönheitsideal folgten.

Lautlos, um keine Aufmerksamkeit zu erregen, aber ganz ordnungsgemäß, begann Papa mit anderen Parteimitgliedern, kleine Geldmengen und Gold nach Südamerika zu senden. Alles wurde klammheimlich ausgeführt, aus Angst, jemand aus dem Volk könnte es entdecken und sagen: »Wir lassen unsere Kinder für das Vaterland sterben und nehmen ihnen das Recht für es zu leben. Warum flieht ausgerechnet ihr, die ihr nicht einmal Kinder gezeugt habt?«

Ich finde nicht, dass die Flucht meiner Eltern, oder besser gesagt das Verlassen des Landes, egoistisch war. Ich glaube, meine Eltern waren einfach nur vorsichtig.